Wissensblockaden und ihre Lösungen

Eine organisationstheoretische und kognitionswissenschaftliche Perspektive auf implizites Wissen und ihre Trägerinnen und Träger

Von Martin Luckmann

Organisationen sind in hohem Maße von dem impliziten Wissen ihrer Wissensträgerinnen und -träger abhängig. Allerdings entpuppt sich die Gewinnung dieser Ressource als schwierig und scheitert oft. Es gleicht der Förderung von seltenen Rohstoffen, die dann auch erst zu gebrauchsfähigen Ergebnissen raffiniert werden müssen. Diese Rohstoffe lagern in den Gehirnen und Nervensystemen und manchmal auch den Muskeln ihrer Trägerinnen und Träger und der Weg zur Äußerung ist lang und komplex. Viel bleibt unterwegs an Blockaden stecken. Dieser Beitrag soll ein Verständnis dieser Blockaden ermöglichen und daraus resultierende sinnvolle Handlungsoptionen entfalten.

1. Einleitung: Das Missverständnis der Wissensverfügbarkeit

In wissensintensiven Organisationen gilt implizites Wissen als eine der zentralen Ressourcen. Gleichzeitig besteht häufig die implizite Annahme, dieses Wissen sei prinzipiell verfügbar, sofern nur geeignete Fragen gestellt oder entsprechende Systeme eingeführt würden. Diese Annahme erweist sich aus wissenschaftlicher Perspektive als verkürzt. Ein erheblicher Teil organisational relevanten Wissens ist nicht propositional strukturiert, sondern handlungsgebunden, situativ und vor-sprachlich organisiert. Der Versuch, dieses Wissen durch klassische Dokumentation oder standardisierte Interviews zu erfassen, führt daher systematisch zu Enttäuschungen.

Die vorliegende Analyse geht davon aus, dass das Scheitern vieler Wissensinitiativen nicht auf mangelnde Motivation oder methodische Defizite zurückzuführen ist, sondern auf Wissensblockaden, die als sinnhafte und funktionale Bestandteile organisationaler Wirklichkeit verstanden werden müssen. Wissensblockaden entstehen aus der Struktur menschlicher Kognition, aus emotionalen Schutzmechanismen, aus sozialen Dynamiken und aus organisationalen Rationalitäten.

Organisationen benötigen Stabilität, Rollenklärung und Komplexitätsreduktion. Auf individueller Ebene ist Expertise untrennbar mit Automatisierung, Mustererkennung und kognitiver Ökonomie verbunden. Prozesse wie Chunking reduzieren bewusst zugängliche Details zugunsten schneller und robuster Entscheidungen. Wissensblockaden sind somit Ausdruck funktionierender Systeme.

2. Typologie von Wissensblockaden

Die Analyse zeigt, dass Wissensblockaden auf unterschiedlichen Ebenen entstehen. Kognitive Blockaden wie Implizitheit und Expertenblindheit, emotionale Blockaden wie Fehler- und Schuldangst oder Identitätsbedrohung, strukturelle Blockaden wie Nicht-Erklärbarkeit und Sprachlosigkeit sowie organisationale, soziale und motivationale Blockaden greifen ineinander. Gemeinsam ist ihnen, dass sie rational, erfahrungsbasiert und kontextabhängig sind.

3. Das Hemisphärenmodell der Wissensblockaden

Zur analytischen Strukturierung wird weiter zwischen zwei miteinander verschränkten Hemisphären unterschieden:

  • einer intrinsischen Hemisphäre, die Wissensblockaden beschreibt, die im Wissensträger selbst verankert sind,
  • und einer extrinsischen Hemisphäre, die Blockaden umfasst, die primär aus organisationalen, sozialen und technologischen Kontexten hervorgehen.

Diese Trennung ist analytisch hilfreich, aber nicht ontologisch strikt. In der organisationalen Praxis verstärken sich beide Hemisphären gegenseitig.

4. Wissensblockaden der Intrinsischen Hemisphäre

Die intrinsische Hemisphäre umfasst Blockaden, die aus kognitiven, emotionalen und strukturellen Eigenschaften menschlicher Wissensverarbeitung resultieren. Sie sind nicht intentional, sondern Ausdruck funktionierender Expertise.

4.1 Implizitheits-Blockade

Ein erheblicher Teil von Expertise ist handlungsbasiert und automatisiert. Wissen wird genutzt, ohne bewusst repräsentiert zu sein. Diese Implizitheit ist Voraussetzung für effizientes Handeln, macht Wissen aber schwer zugänglich für Explikation.

4.2 Expertenblindheit (Expertise-induzierte Blindheit)

Durch Prozesse wie Chunking operieren Experten mit hochverdichteten Mustern. Voraussetzungen, Zwischenschritte und Alternativen werden unsichtbar. Diese Blindheit ist kein Defizit, sondern ein Nebenprodukt von Kompetenz.

4.3 Fehler- und Schuldangst

Wissen, das aus Fehlern, Grenzsituationen oder Regelabweichungen entstanden ist, ist emotional belastet. In Organisationen mit geringer psychologischer Sicherheit wird dieses Wissen systematisch zurückgehalten.

4.4 Identitätsbedrohung

Expertise ist Teil professioneller Identität. Die Explikation von Wissen kann als Entwertung, Austauschbarkeit oder Statusverlust erlebt werden. Wissensblockade fungiert hier als Selbstschutz.

4.5 Nicht-Erklärbarkeits-Gefühl

Wissen erscheint zu kontextabhängig oder situativ, um sinnvoll formuliert zu werden. Diese Wahrnehmung ist rational, da Vereinfachungen reale Fehlanwendungsrisiken bergen.

4.6 Sprachlosigkeit

Es fehlen Begriffe, Modelle oder geteilte Wissensformen, um Erfahrung auszudrücken. Wissensweitergabe scheitert hier nicht am Willen, sondern an fehlender Ausdrucksfähigkeit.

5. Wissensblockaden der extrinsischen Hemisphäre

Die extrinsische Hemisphäre beschreibt Blockaden, die primär aus organisationalen Strukturen, sozialen Erwartungen und technologischen Rahmenbedingungen entstehen. Auch sie sind funktional.

5.1 Priorisierungsresignation

Wissensarbeit wird nicht priorisiert, nicht genutzt oder nicht belohnt. Wissensträger lernen, dass Wissensweitergabe wirkungslos bleibt, und ziehen sich zurück.

5.2 Zeitknappheit (nicht vorgeschoben)

Hohe operative Taktung und kognitive Belastung lassen keine Ressourcen für Wissensreflexion. Wissensblockade entsteht trotz grundsätzlicher Bereitschaft.

5.3 Bewertungsangst

In hierarchischen oder leistungsorientierten Kontexten entsteht Angst, inkompetent oder banal zu wirken. Aussagen werden geglättet, Unsicherheiten vermieden.

5.4 Loyalitätskonflikt

Implizites Wissen berührt informelle Regeln, Abkürzungen oder Grauzonen. Wissensträger geraten in Konflikt zwischen Offenheit und Loyalität.

5.5 Nutzen-Unklarheit

Wenn kein konkreter Nutzungskontext erkennbar ist, erscheint Wissensweitergabe sinnlos. Wissen wird dann rational zurückgehalten.

5.6 Macht- und Statusschutz

Wissen fungiert als Machtressource. Seine Weitergabe kann Abhängigkeiten reduzieren und wird daher blockiert.

6. KI-gestützte Experteninterviews als Lösungsraum – und ihre Akzeptanzblockaden

Vor diesem Hintergrund eröffnet der Einsatz einer geeignet geprompteten KI-gestützten Experteninterviewerin einen neuen Lösungsraum. Eine solche KI kann Eigenschaften vereinen, die in menschlichen Interviews nur schwer gleichzeitig realisierbar sind: Sie ist nicht bewertend, politisch neutral, zeitlich unbegrenzt verfügbar und methodisch konsistent. Gleichzeitig entstehen jedoch neue Akzeptanzblockaden, die berücksichtigt werden müssen.

Typische Akzeptanzblockaden gegenüber KI-gestützten Interviews betreffen erstens die Sorge vor Kontrolle und Überwachung. Wissensträger befürchten, dass ihre Aussagen dauerhaft gespeichert, missverstanden oder gegen sie verwendet werden könnten. Zweitens besteht Skepsis gegenüber der fachlichen Angemessenheit der KI, insbesondere bei hochkomplexem Erfahrungswissen. Drittens kann eine technologische Distanz entstehen, wenn die KI als unpersönlich oder nicht empathisch erlebt wird.

Diese Akzeptanzblockaden lassen sich nicht durch Technik allein auflösen, sondern durch gestalterische und organisationale Maßnahmen. Transparenz über Zweck, Nutzung und Grenzen der KI ist zentral, ebenso wie klare Governance-Regeln zur Verwendung des Wissens. Entscheidend ist zudem das methodische Prompting der KI: Sie muss explizit als unterstützende Interviewerin auftreten, nicht als Bewertungs- oder Kontrollinstanz. Schließlich erhöht die Einbettung der KI in bestehende Wissensprozesse und die sichtbare Nutzung der Ergebnisse die Akzeptanz nachhaltig.

7. Operative Behebungs- und Interventionsmethoden: Ein Überblick

Aus der Analyse folgt, dass Wissensblockaden nicht direkt aufzulösen sind. Erfolgreiche Interventionen folgen einer Umgehungslogik. Sie reduzieren Erklärungsdruck, entlasten Identität und verlagern die Abstraktionsleistung.

Zentrale operative Ansätze sind:

  • Narrativ-episodische Gesprächsführung
  • Entscheidungszentrierte Interviews
  • Analyse kritischer Ereignisse
  • Entpersonalisierung und Rollenbezug
  • Mikroformate mit klarer zeitlicher Begrenzung
  • Sichtbare Nutzung und Rückspiegelung von Wissen
  • Nachgelagerte Strukturierung durch Dritte
  • Anonymisierte Fallarbeit
  • Transparente Governance bei KI-Einsatz

Gemeinsam ist diesen Ansätzen, dass sie mit Wissensblockaden arbeiten, statt sie normativ zu problematisieren.

8. Wissenschaftliche Hintergründe der Wissensblockaden

Die dargestellten Blockaden und Interventionen lassen sich auf mehrere etablierte Forschungsstränge zurückführen:

  • Theorie impliziten Wissens (Polanyi): Wissen ist nicht vollständig explizierbar.
  • Kognitionswissenschaft (prozedurales Wissen, Chunking): Expertise beruht auf Automatisierung.
  • Gedächtnisforschung (episodisch vs. semantisch): Erfahrungswissen ist episodisch organisiert.
  • Sozialpsychologie (Bewertungsangst, psychologische Sicherheit): Wissen ist sozial gerahmt.
  • Organisations- und Systemtheorie: Organisationen reduzieren Komplexität durch Selektion.
  • Motivationstheorie: Wissensweitergabe erfordert wahrgenommenen Sinn und Nutzen.
  • Macht- und Abhängigkeitstheorien: Wissen ist politisch.

Diese theoretische Fundierung verdeutlicht, dass Wissensblockaden kein Ausnahmephänomen, sondern strukturell erwartbar sind.

9. Die sieben wichtigsten Methoden zur Lösung von Wissensblockaden

Aus der Vielzahl möglicher Interventionen lassen sich sieben Methoden identifizieren, die blockadenübergreifend die größte Wirkung entfalten:

Diese Methoden sind besonders geeignet, in KI-gestützten Experteninterviews systematisch umgesetzt zu werden. Eine geeignet gepromptete KI kann diese Logik konsequent, nicht wertend und skalierbar realisieren – vorausgesetzt, ihre Einführung berücksichtigt die beschriebenen Akzeptanz- und Vertrauensfragen.

10. Schlussfolgerung

Die vorgestellte Typologie legt nahe, dass erfolgreiche Wissensarbeit nicht auf Konfrontation oder Argumentation gegen Blockaden setzen sollte. Vielmehr erweist sich sowohl eine Beachtung und Kompensation als auch eine Unterstützung und intrinsische Motivation als hilfreich, diese Blockaden zu überwinden oder zu umgehen. Methoden wie narrativ-episodische Interviews, entscheidungszentrierte Befragungen oder die Analyse kritischer Ereignisse entlasten Wissensträger von Erklärungsdruck, Identitätsrisiken und Bewertungsangst. Zugleich wird die Abstraktionsleistung von den Experten auf die Organisation verlagert. Auch die Prinzipien „Lernender Organisationen“ helfen dabei, dass Wissensgewinnung zum normalen „Alltagsgeschäft“ wird.

Wissensblockaden sind keine Störungen, sondern sinnhafte Strukturen organisationalen Wissens. Ein realistisches Wissensmanagement akzeptiert ihre Existenz und entwickelt methodische Zugänge, die mit ihnen arbeiten. In diesem Rahmen können KI-gestützte, methodisch fundierte Experteninterviews einen substanziellen Beitrag leisten – nicht nur als technologische Lösung, sondern vor allem auch als organisationstheoretisch informierte Interviewpraxis. Dabei ist wichtig, dass die genannten Lösungen in die Prompting-Methoden einfliessen.

Literatur

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